Zwischen den Welten, Teil 1

Ich bin angekommen! Ich hab’s tatsächlich geschafft! Ich habe den Camino gemacht!

Als ich ungefähr 10 km vor dem Ziel war und über meine bevorstehende Ankunft so meine Gedanken hatte, wusste ich gar nicht recht, was ist. Ich wollte jeden Schritt auskosten und genießen, die Landschaft nochmals bewusst aufnehmen, riechen und hören. Den Eukalyptusduft atmen und alles ganz genau einprägen. Bald sollte es zu Ende zu sein… und wieder liefen die Tränen.

Es war alles noch sehr ländlich, auch als ich am Rollfeld des Flughafens vorbeiging.

Dann kam ich nach Lavacolla, die letzte offizielle Station mit der letzten Kirche vor Santiago. Die Besiedlung wurde immer mehr, die Einzugsgebiete von Santiago sichtbar. Es ging vorbei an den großen Sendestationen von TV und Radio.

Und schon ging es auf den Monte Do Gozo mit dem großen Pilgerdenkmal, welches hinunter nach Santiago weist. Und da ist der erste Blick auf die Stadt und die Kathedrale! Das ist echt der Hammer! So klar und doch unglaublich. Bin ich wirklich hier, liegt die Stadt vor mir? Ist das wirklich so?

Von da an ging sehr unspektakulär erst einen Spazierweg nach unten, dann weiter über eine Betonrampe und ein paar Brücken in die Stadt hinein. Aber es waren bis zum Ziel immer noch 3 km. Und die zogen sich durch die hässlichsten Stadtviertel ever. Ich dachte, ich laufe durch die Nürnberger Südstadt. Es sollten 19,4 km sein, meine Watch zeigte schon über 20 an und von einer Altstadt geschweige denn der Kathedrale war nichts zu sehen…

Aber auf einmal ging es doch in ein Gässchen hinein, auf einem Schild stand „Porta do Camino“, das Eingangstor war erreicht. Dass es in der Straße von Menschen nur so wimmelte, dass links und rechts alte Häuser mit Shops, Restaurants und Bars waren, habe ich nur durch einen Schleier mitgekriegt. Ich wollte nur rein, hatte nur Augen für das Ziel!

Und so ging es durch einen wirklich schmalen Durchgang über eine letzte Treppe nach unten, begleitet von einem traditionellen Dudelsackspieler (nicht schottisch, sondern galizisch!) Ich sah unten einige Autos stehen und dachte noch, das kann doch nicht sein, komme ich jetzt auf einem Parkplatz an, oder was?

Dann sah ich da unten Volker stehen und warten. Als er in meine Richtung sah, fing ich an zu winken und zu rennen. Weil ich so verkrampfte Muskeln und Fußsohlen habe, wurde aus dem Rennen aber nur ein verzweifelter Versuch, Tempo zu machen und ich humpelte ihm glücklich entgegen! In meinen Träumen wollte ich ihm leichtfüßig in die Arme fliegen, in Wirklichkeit hing ich dann wie ein nasser Sack mit Rucksack an ihm dran.

Nach der Begrüßung, auf die ich jetzt nicht näher eingehen will, geleitete er mich zunächst auf die Mitte des Platzes, das Zentrum mit eingelassener , bronzener Jakobsmuschel. Hier treffen sich die Caminos aus allen Richtungen, England, Portugal, Zentralspanien, der Küste und Frankreich. Hier ist der Camino zu Ende. Man nimmt seinen Rucksack ab, jubelt, feiert, macht Fotos vor der Kathedrale.

Der Blick auf die Kathedrale: Wahnsinn! Geschafft.

ES IST ZU ENDE! ICH BIN ANGEKOMMEN!

Ich erhielt im Pilgerbüro meine Compostela: nach der gründlichen Prüfung meiner Pilgerausweise und einem Gespräch über meine Beweggründe für den Camino erhalte ich meine Pilger-Urkunde und eine weitere über die gelaufenen km: 679! Ich glaube nicht, dass ich wirklich so viel gelaufen bin, aber da steht es also ist es so!

Am Abend gingen wir in die Kathedrale zur Pilgermesse und waren tief beeindruckt!

Jetzt heißt es für mich: ankommen in der realen Welt! Ich werde gerade zurückkatapultiert wie durch ein Wurmloch im Universum, von einer Welt ins die andere. Gerade bin ich irgendwo dazwischen…

Teil 2 folgt!